Vietnams Babyboomer ohne ideologischen Ballast

Einer der letzten kommunistischen Staaten, Vietnam, blickt auf eine stürmische Wachstumsphase zurück. Sie begann vor drei Jahrzehnten mit Agrarreformen. Heute ist das Land ein Magnet für Direktinvestitionen – und eine Alternative zu China. Auch Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un scheint sich für den Öffnungskurs zu interessieren.

Beim ersten abendlichen Rundgang war die Altstadt Hanois noch in ein befremdliches Dunkel gehüllt. Die flackernden Lichtpunkte am Boden stammten von kleinen Feuern, über denen die Bewohner ihre Speisen zubereiteten. Die Hauptstadt des Nordens, die sich am Tag so quirlig geschäftig gezeigt hatte, zog sich nach Sonnenuntergang in ihre familiäre Privatsphäre zurück. Das war vor zwanzig Jahren.

Allerdings gab es schon damals einen Fremdkörper inmitten des beschaulichen Idylls. Neonbläulich leuchtete an einer Strassenecke ein Elektronikgeschäft mit der Aufschrift «Samsung». Unweit davon stand ein Fitnesszentrum mit Laufbändern und anderen Foltergeräten. Wer kann sich das leisten – und überhaupt, was sollte das? In Hanoi bewegten sich ja schon alle tagein, tagaus mit dem Fahrrad, dachte man sich.

 

Vorboten des Aufschwungs

Es waren dies die Vorboten eines industriellen Aufschwungs, der in seiner vollen Dimension erst heute fassbar ist: Zwischen 1986, dem Beginn der wirtschaftlichen Öffnung des Landes, und 2018 ist Vietnams Bruttoinlandprodukt (BIP) um durchschnittlich 6,7% pro Jahr gewachsen; für das vergangene Jahr wurde unlängst ein BIP-Wachstum von 7,1% ausgewiesen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Volkswirtschaften in Asien, namentlich den Philippinen, handelt es sich zudem um Wachstum, das praktisch allen zugutekommt («inclusive growth»). Bei der Weltbank gilt das Land bezüglich Armutsbekämpfung denn auch als vorbildlich. Mit Exporten, die inzwischen über 210 Mrd. $ betragen, steht das südostasiatische Land heute den Ausfuhren Australiens und Brasiliens nur wenig nach.

Eine Art deutsches Wirtschaftswunder in Fernost? Daran dachte man 1999 überhaupt nicht. Es war schliesslich das Jahr der Asienkrise, die auch das erwachende Vietnam erfasst und zurückgeworfen hatte. In Europa, wo man zur Krönung des EU-Binnenmarktes gerade den Euro einführte und auf den zehnten Todestag des Kommunismus anstiess, blickten am Ende des 20. Jahrhunderts die meisten im Westen ohnehin noch etwas mitleidig auf die Genossen in Hanoi.

Nicht so Daniel Keller, ein junger Schweizer, der sich in den verwinkelten Gassen der Hauptstadt gut auskannte: «Die Vietnamesen sind die Deutschen Asiens», meinte er damals keck. Jahrzehntelang hatten die Kriege gegen übermächtige Länder wie China, Frankreich und die USA die Entwicklung Vietnams verhindert und produktive Ressourcen zerstört.

Aber 1999, zwei Dutzend Jahre nach der Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam, drängte die erste Nachkriegsgeneration ins Leben. Vietnams Babyboomer begannen prompt von Motorrädern, Samsung und Fitnesszentren zu träumen. Und sie lernten schon damals nicht mehr Russisch, sondern Englisch.

 

Politik der offenen Tür

Der Reformprozess, der Vietnams Wachstumskräfte entfesselte, begann 1986. Nach dem Vorbild China, wo Deng Xiaoping den Weg für dosierte marktwirtschaftliche Experimente ebnete, verfolgte Hanoi einen behutsamen Öffnungskurs. Doi Moi – «Renovation», was auch als «Politik der offenen Tür» bezeichnet wird – zeigte sich zunächst in der Landwirtschaft, wo man die ineffizienten Kooperativen auflöste, Preiskontrollen abschaffte und den Bauern versuchsweise Landeigentum zugestand.

Später wurden Unternehmen in ausgewählten Sektoren privatisiert und exportorientierte Industriezonen aufgebaut. Heute gibt es in Vietnam nicht weniger als 18 sogenannte Special Economic Zones (SEZ) in Küstengebieten, die mit Steueranreizen und moderner Infrastruktur Unternehmen anlocken.

Ho-Chi-Minh-Stadt ist pulsierendes Herz von Vietnams Wirtschaft. (Bild: Imago)

Entscheidende Impulse gaben denn auch ausländische Direktinvestitionen, die ab 1988 legal wurden. Joint Ventures mit ausländischen Firmen beschränkten sich zunächst auf die Erdöl- und Erdgasindustrie sowie die Tourismus- und Hotelbranche.

Dabei waren es zuerst vor allem russische, koreanische und japanische Unternehmen, die sich engagierten: Im Jahr 1991 beliefen sich die Investitionen (FDI) auf 1 Mrd. $, 1994 auf 3,85 Mrd. Drei Jahre darauf wurden dann 4,18 Mrd. $ registriert. Vielen Investitionszusagen in jenem Jahr machte dann allerdings die Asienkrise einen Strich durch die Rechnung.

Doch diese Zäsur war von kurzer Dauer: Seit 2002 wiesen die FDI-Zahlen wieder nach oben und lagen per 2018 bei nunmehr 19,1 Mrd. $. Spitzenreiterin ist dabei mit Samsung jene Firma, deren Logo schon 1999 in der Nacht bläulich geleuchtet hatte und die heute die Hälfte ihrer Smartphones in Vietnam produziert.

 

Embargos – dann versiegte auch Moskaus Geldhahn

Vietnams Öffnungskurs gegen Ende der achtziger Jahre ist nicht auf eine interne politische Wende zurückzuführen, wie sie etwa die frühere Sowjetunion mit der Ära Gorbatschow erlebte. Es waren vielmehr hauptsächlich ökonomische Zwänge, die die Regierung in Hanoi zum Umdenken zwangen: Die USA und andere westliche Staaten hielten damals (bis 1991) wirtschaftliche Sanktionen aufrecht, was zum einen mit dem Vietnam-Trauma der Vereinigten Staaten, zum anderen mit der vietnamesischen Invasion in Kambodscha von 1979 zusammenhing.

Der Westen vermutete und unterstellte Hanoi expansive politische Absichten in der Region. In Wirklichkeit strebte Vietnam bloss eine Art der Expansion an: die wirtschaftliche. Es ging ums Überleben, denn mit dem Niedergang der Sowjetunion versiegte ab Mitte der achtziger Jahre auch der Geldstrom aus dem alliierten Moskau.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen jener Abschnürungen waren verheerend: Mitte der achtziger Jahre – zehn Jahre nach Kriegsende – lebte noch rund die Hälfte der Vietnamesen an der Armutsgrenze, und ein Sechstel der Bevölkerung war unterernährt. Millionen waren kriegsversehrt.

Gemäss Schätzungen belief sich das Wirtschaftswachstum zwischen 1976 und 1986 jährlich auf bloss 2,6%, was pro Kopf umgerechnet einer Stagnation gleichkam. Ausländische Direktinvestitionen, ein zentraler Antrieb in den ersten Jahren nach der Öffnung, werden für 1986 in der Statistik noch mit null ausgewiesen.

Nach dem Wegfall der Finanzhilfe aus Moskau war Vietnam auf sich allein gestellt. Jene Isolation ist heute, da das Land knapp 20 Mrd. $ Direktinvestitionen und fast 10 Mio. Touristen anzieht und als Austragungsort des Apec-Gipfels und des zweiten Trump-Kim-Treffens im Rampenlicht steht, kaum noch vorstellbar.

Das Land war damals noch nicht Asean-Mitglied und hatte weder in Südostasien noch bei den boomenden östlichen Nachbarn Japan, Korea und Taiwan Freunde. Zwischen China und Vietnam herrschte traditionell Misstrauen. Bloss in einer Beziehung setzte man auf China und folgte dem Beispiel des grossen Nachbarn im Norden: Mit Reformen wollte auch Vietnam aus der wirtschaftlichen Klemme der zentralwirtschaftlichen Planung ausbrechen.

Im Windschatten Chinas

Die wirtschaftliche Erfolgsstory Chinas hat in den letzten Jahren die Fortschritte Vietnams weitgehend in den Schatten gestellt. Berücksichtigt man die Grössenverhältnisse, steht die 230 Mrd. $ grosse Volkswirtschaft dem Reich der Mitte aber in vielen Belangen wenig nach. Vietnam hat zwar keine Spitzentechnologien à la Huawei oder DJI, das Land hat auch keine Atomreaktoren oder Hochgeschwindigkeitszüge hervorgebracht, und es verfügt auch nicht über ein Raumfahrtprogramm.

Aber von der Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens, das heute bei 2400 $ (1999: 360 $) steht, haben praktisch alle Landsleute profitiert. Bezüglich Human Capital Index (HCI) der Weltbank, der etwa Lebenserwartung und Schulbildung einbezieht, liegt das Land heute vor wirtschaftlich höher entwickelten asiatischen Ländern wie Thailand, Malaysia, den Philippinen und Indonesien sowie (von Chile abgesehen) noch vor den südamerikanischen Staaten.

Darüber hinaus hat sich das Land auf pragmatische Weise in die Weltwirtschaft integriert und gilt mittlerweile in allen internationalen Organisationen wie WTO, Apec und Asean als verlässlicher Partner ohne machtpolitische Ambitionen. Dass das zweite Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un Ende Februar in Hanoi stattfinden wird, ist ein diplomatischer Erfolg. Dies zeigt, dass Vietnam in Asien eine ausgleichende Rolle spielen will. Bei alldem setzt Vietnam auf offene Märkte. Bisher hat das Land elf Freihandelsabkommen abgeschlossen, darunter jenes mit der EU; fünf weitere sind in Vorbereitung.

Kann Vietnam an seine vergangenen Erfolge anknüpfen und in den nächsten Jahren einkommensmässig zu Ländern wie Malaysia oder Thailand aufschliessen? Für Unternehmer wie Marco Martinelli von Turicum Investment Management mit Sitz in Ho-Chi-Minh-Stadt ist klar, dass die vietnamesische Führung ihren Öffnungskurs weiterverfolgen wird, aber nicht Hals über Kopf, sondern Schritt für Schritt.

In diesem Zusammenhang waren in der Vergangenheit Forderungen nach «Doi Moi 2.0» zu hören, was auch politische Liberalisierungen einschlösse. Für solch tiefergreifende Veränderungen gibt es bis jetzt keine Anzeichen – im Gegenteil: Die personellen Weichenstellungen am 12. Kongress der Kommunistischen Partei vor drei Jahren wiesen in eine andere Richtung.

Politisch strebt das Land eine Balance zwischen China, Amerika und Japan an. Hierbei öffnet sich Hanoi handelspolitisch gegenüber der Welt, insbesondere auch gegenüber den USA. Es ist ein Muss: Denn im Gegensatz zum 1,3 Mrd. Konsumenten zählenden China ist der vietnamesische Binnenmarkt relativ bescheiden. Aber man verfolgt über weite Strecken immer noch eine planwirtschaftliche Industriepolitik.

Genau wie in China enthält Vietnams Ökonomie damit zwar zunehmend marktwirtschaftliche Züge und kennt Wettbewerb; aber beide Volkswirtschaften sind letztlich staatlich gelenkt und gehorchen dem Primat der Politik. In der jetzigen Phase rasanter technischer Umwälzungen und Neuerungen kommt Vietnam deshalb nicht um die Frage herum, ob die planwirtschaftlichen Ansätze und die rigiden staatlichen Vorgaben noch zeitgerecht sind.

 

All story and visual credits to: nzz.ch

Author credit: Manfred Rist